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Thomas Quasthoff-"ganz normal und fit im Kopf"

Mit vier jungen K4K-Interviewern, Magdalena (13), Jakob (13), Ferdinand (12), Leo (10), trafen wir Thomas Quasthoff. Ganz unkompliziert empfing er uns mit den Worten: "Ich schau nur etwas anders aus, im Kopf bin ich aber mindestens ebenso meschugge wie ihr auch". Das Eis war gebrochen. Unkompliziert, keine Allüren, unterhaltsam. Und die Stimme... wahrscheinlich würde man auch zuhören, wenn Thomas Quasthoff einen Text auf Swaheli vorliest - und das sprechen wir alle nicht.

Jahrzehntelang hat Thomas Quasthoff auf den berühmtesten Bühnen der Welt die schönsten Melodien gesungen, bis er vor einigen Jahren beschloss, seine (klassische) Gesangskarriere an den Nagel zu hängen. Nach Graz führte ihn dann doch ein Liederabend im Musikverein, seine Rolle aber war die des Sprechers.


K4K: Wollten Sie irgendwann einen anderen Beruf als den des Sängers ergreifen?

TQ: Nein, aufgrund meiner Körperbehinderung war ich gezwungen, etwas Anderes zu machen. Als ich damals studieren wollte musste man ein zweites Fach belegen - ein Instrument erlernen. Ich kann zwar zwei, drei impressionistische Akkorde am Klavier greifen, aber für ein Zweitinstrument hat es halt einfach nicht gereicht. Ich habe angefangen, Jus [Anm.: Rechtswissenschaften] zu studieren und habe über sechs Jahre in einer Sparkasse gearbeitet und eine Ausbildung gemacht. Zugleich habe ich aber immer Gesangsunterricht gehabt, seit meinem 13. Lebensjahr. Dann kamen erste Wettbewerbe, habe danach lange beim Rundfunk als Sprecher gearbeitet und 1988 einen sehr wichtig, weltweit einen der berühmtesten Wettbewerbe für Gesang gewonnen - der ARD-Wettbewerb. Wenn man den gewinnt freuen sich die Agenturen, weil sie damit Geld verdienen. So wurde ich Sänger. Danach wurde ich auch noch Lehrer und seither unterrichte ich in Berlin junge Sängerinnen und Sänger.

K4K: Haben Sie als Kind schon gesungen?

TQ: Es gibt erste Aufnahmen, da war ich zweieinhalb Jahre alt.

Als Amerika in den Irak-Krieg gezogen ist habe ich meine Tour mit einer offiziellen Begründung abgesagt.

K4K: Wenn Sie nun als Sprecher auf der Bühne stehen haben Sie da nie das Gefühl, Sie möchten auch wieder singen?

TQ: Ich singe ja noch. Nur keine klassischen Lieder mehr. Gerade vor einigen Tagen habe ich in einer Halle vor tausenden Menschen einen Jazz-Abend gestaltet.

K4K: Ist Jazz weniger anspruchsvoll als klassische Musik?

TQ: Nein, nur ganz anders. Man muss schon alleine mit einem Mikrophon umgehen, das muss man in der Klassik nie. In vielerlei Hinsicht es sogar schwieriger, weil man viel mehr Freiheiten hat. Und mit dieser Freiheit muss man auch umgehen.

K4K: Wenn Sie sich entscheiden müssen, Jazz oder Klassik?

TQ: Das geht nicht. Ich habe jahrelang so viel gemacht. Ich hatte das Glück, mehrere Male im großen Musikvereinssaal in Wien, in der Carnegie Hall und so weiter zu singen. Teilweise mit 20.000 Menschen im Publikum. Ich habe in Los Angeles, Argentinien, Japan, Marokko... Bis auf China, da habe ich es abgelehnt, weil sie die Menschen umgebracht haben, dafür, dass sie ihre Meinung gesagt haben. Auch als Amerika in den Irak-Krieg gezogen ist, habe ich meine Tour mit einer offiziellen Begründung abgesagt.

K4K: Hören Sie sich in Ihrer Freizeit viel Musik an? Welche?

TQ: Unglaublich viel und so gut wie alles. Außer Rap und Schlager. Das ist nicht meine Welt. Ich kann auch nicht wirklich zuhören, wenn es an die Schmerzgrenze der Lautstärke geht. Ich habe es lieber etwas ruhiger.

Meine Stieftochter hört alles. Auch viel Anspruchsvolles. Grönemeier. One Direction. Das höre ich mir dann auch teilweise an.

K4K: Hat es in der Klassik einen Lieblingskomponisten gegeben?

TQ: Nein, weil ich kenne ja auch nicht alle Bücher, könnte somit auch nicht sagen, welches mein Lieblingsbuch ist.

K4K: Und von den Büchern, die Sie kennen?

TQ: Es gibt einige. Brecht habe ich immer gerne gelesen, Romantiker, Moderne... Ich habe sehr unterschiedliche Sachen gelesen, Brecht, Neruda...

K4K: Wenn Sie Berthold Brecht [Anm.: ein deutscher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts] gerne lesen, besuchen Sie dann öfters in Berlin das "Berliner Ensemble" [ein Theater nach Brecht gegründet]?

Ich höre alles außer Rap und Schlager. Das ist nicht meine Welt.

TQ: Ich spiele dort sogar selber. Den Narren in "Was Ihr wollt" [Anm.: ein Theaterstück von Shakespeare] und schwebe am Anfang in einem umgedrehten Regenschirm auf die Bühne. Ich saß einmal mit einer Freundin, Katherina Thalbach, zusammen und sie fragte mich, warum ich eigentlich bei meiner Stimme noch nie Theater gespielt habe. Ich meinte, weil mich noch nie jemand gefragt hat. Daraufhin meinte sie, na, dann frage ich dich jetzt.

K4K: Macht es Spaß?

TQ: Es macht großen Spaß, ich singe dort, spiele und mache viel Blödsinn.

K4K: Wer ist oder wer war Ihr Vorbild?

TQ: Nachdem ich viele Liederabende gegeben habe war und ist ein großes Vorbild Dietrich Fischer-Dieskau [Anm.: ein berühmter, inzwischen verstorbener, deutscher Sänger]. Den werdet Ihr vielleicht nicht kennen. Es gab einen österreichischen Sänger, Walter Berry und eine in Wien lebende Legende, Christa Ludwig. Ich habe die Ehre, mit ihr befreundet zu sein. Auch Frank Sinatra war ein Vorbild. Nicht sein Leben, aber seine Art, zu singen. Ich wollte aber nie ein Imitator von ihm sein, wollte ihn nicht nachmachen. Ich wollte immer so singen, wie ich es für richtig halte. Das fände ich so langweilig. Man muss seine eigenen Ideen verwirklichen.

K4K: Haben Sie Lampenfieber?

TQ: Ich habe so früh angefangen, mit 13 Jahren, ich habe keine Angst.

K4K: Sie hatten das Glück zu wissen, wo Sie hingehören?

TQ: Ich hatte das Glück, ein Elternhaus zu haben, wo ich mit all dem unterstützt wurde, was ich benötigte. Auch mein Bruder, er war ein hervorragender Journalist. Er spielte auch Instrumente und wir machten gemeinsam Musik. Wir sind nicht sehr streng erzogen worden, sondern unseren Begabungen entsprechend. Unser Vater hat 20 Jahre lang versucht, aus uns Christdemokraten zu machen, das ist ihm nicht geglückt. Wir haben dennoch ein sehr gutes Verhältnis.

Ich hatte das Glück, ein Elternhaus zu haben, wo ich mit all dem unterstützt wurde, was ich benötigte.

K4K: Sie machen auch Hörbücher. Welche machen Sie gerade?

TQ: Bisher habe ich drei gemacht. Ein Autor hat eine Geschichte über Antonin Dvoraks "Aus der neuen Welt", also Amerika, geschrieben. Eine Geschichte über ein kleines Mädchen, das mit seinen Eltern auswandert und am Anfang sehr einsam ist. In der Nachbarschaft lebt ein alter Mann, der sich sehr lieb um sie kümmert. Er erzählt ihr, dass er auch vor über 60 Jahren ausgewandert ist. Das Schöne ist, ich kann an den Texten mitschreiben. Eingreifen. Mitgestalten.

K4K: Vielleicht kommen Sie einmal als Synchronsprecher für einen Disney-Film dran?

TQ: Das würde ich irrsinnig gerne machen, es ist aber sehr schwer, da hinein zu kommen. Eine Mafia!

K4K: Mochten Sie Musik in der Schule und wie war Ihre Schulzeit?

TQ: (lacht) In eurem Alter fand ich die Schule noch ganz toll. Musik mochte ich immer. Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Mein Vater hat Gesang studiert, meine Mutter spielte Klavier. Es lief immer Musik. Ich bin oft mit meinem Bruder am Abend gesessen und wir haben Musik gemacht. Aber die Schulzeit fand ich nicht immer so toll...

K4K: Wo waren Sie gut?

TQ: Ich war eigentlich gut in den Sprachen. Ich habe noch Französisch, Latein, Altgriechisch gehabt, ein halbes Jahr hatte ich sogar noch Hebräisch, die Sprache Israels. Leider habe ich das alles wieder vergessen. Irgendwann habe ich mich auf Englisch konzentriert, das war mir wichtig. Französisch habe ich leider abgewählt, der Lehrer war ein Alt-Nazi [Anm.: ein Mensch, der sich mit den Ideen Hitlers anfreunden kann], ich habe ihn gehasst.

K4K: Also keine Chanson-CD von Thomas Quasthoff?

TQ: Eher nicht, nein. Ich spreche zwar ein wenig, mache immer noch Meisterkurse in Paris, aber es reicht nicht, um Ärger zu bekommen.

K4K: Wollen Sie auch Filme machen?

TQ: Ich bin einmal gefragt worden, aber das Drehbuch war so albern, dass ich abgelehnt habe. Wenn man als Sänger ein gewisses Niveau erreicht hat, dann hat man an sich selber auch einen gewissen Anspruch. Und ein doofer Film wird meinen Ansprüchen nic

K4K: Stört es Sie, auf der Straße angesprochen zu werden?

TQ: Nein, überhaupt nicht. Es gibt zwar immer Leute, denen die Distanz fehlt, die glauben, nur weil man kurze Arme hat muss man auch schwerhörig sein. Die kommen dann zu mir runter und brüllen mir in's Ohr: "Das ist aber schön, dass Sie hier sind!!!".

Es gibt immer Leute, die glauben, nur weil man kurze Arme hat muss man auch schwerhörig sein. Ich bin im Kopf total fit.

Man sieht mir die Behinderung an, aber wenn ich ein paar Worte spreche merken die Menschen, dass ich im Kopf total fit bin. Ich sehe anders aus, aber ich bin kein anderer Mensch. Ich habe auch meine Träume und Bedürfnisse. Vor 12 Jahren habe ich eine wunderbare Frau kennen gelernt, die nicht behindert ist. Mit dieser Frau kam ein kleines Mädchen von damals dreieinhalb Jahren. Wir haben uns ineinander verliebt. Nach zwei Jahren habe ich sie geheiratet und wir sind seither sehr glücklich. Ich lebe also ein ganz normales Leben. Ich kann nicht mehr so weite Wege laufen, bin halt viel in Sachen Musik unterwegs.

K4K: Ein kleines Kind zu übernehmen war bestimmt nicht immer leicht?

TQ: Ich bin von einem Internat gekommen, wo nur behinderte Kinder waren, das war nicht immer einfach. Aber es hat mich für das Leben gut vorbereitet. Meine Eltern haben mich nie anders behandelt. Ich habe genauso eine hinter die Löffel bekommen. Das gibt es heute nicht mehr. Meine Stieftochter hat nie Schläge bekommen. Wir sind einfach davon überzeugt, dass man Autorität auch anders zeigen kann. Heuer wird meine Lotte 18 und ist eine erstaunliche junge Damen, die genau weiß, was sie will.

K4K: Fährt Ihre Frau mit auf Reisen?

TQ: Sie arbeitet und wir haben eine schulpflichtige Tochter. Also eher nicht so oft. Zu großen Festivals oder so nehm ich sie aber immer mit.

K4K: Was spüren Sie, wenn Sie singen?

TQ: Schwierige Frage... Es macht einfach wahnsinnig viel Spaß. Ich fühle Glück. Wenn ein Konzert bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, du auf die Bühne kommst und der ganze Saal aufsteht und pfeift und trampelt... das macht Riesenspaß.

 

 

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