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Piotr Bezcala - nur der Name ist kompliziert!

Wir trafen Piotr Bezcala [sprich: Betschaoa], den polnischen Tenor, zum Gespräch in Graz. Am Abend zuvor hatte er im Stephaniensaal des Musikvereins Steiermark ein wundervolles Konzert mit Liedern des großen Tenors Richard Tauber gegeben. Standing Ovations und minutenlanges Klatschen waren vom Publikum zu hören.

Beim Interview waren wir nicht nur von seinen hervorragenden Deutschkenntnissen überrascht, sondern auch von einem bodenständigen Weltenbummler mit festen Wurzeln zu seiner charmanten Frau überrascht.

 

 

K4K: Sie haben gerade in Graz einen Liederabend mit den Liedern Richard Taubers gegeben (Anm.: Richard Tauber war ein österreichischer Tenor-Sänger, der von den Zeitungen als „König des Belcanto“ bezeichnet wurde. „Belcanto“ heißt übersetzt „schöner Gesang“ und steht für eine bestimmte Gesangstechnik). Wie sind Sie auf einen Sänger gekommen, der seit über 50 Jahren tot ist?
PB: In meinem Herzen und meinem Gemüt bin ich näher bei den Sängern der damaligen Zeit – so wie Enrico Caruso, der wahrscheinlich größte Tenor aller Zeiten. Das, was damals gesungen wurde war irgendwie „original“, alles, was danach kam war mehr oder weniger Wiederholung.

In meinem Herzen und meinem Gemüt bin ich näher bei den Sängern der damaligen Zeit – so wie Enrico Caruso, der wahrscheinlich größte Tenor aller Zeiten. Das, was damals gesungen wurde war irgendwie „original“, alles, was danach kam war mehr oder weniger Wiederholung.

Damals wurde noch live gesungen (Anmerkung: „live“ bedeutet, dass der Sänger direkt auf der Bühne für die Menschen kommt und die Musik nicht von einer CD kommt) – diese Aufnahmen sind die wertvollsten Aufnahmen. Richard Tauber stand vor einem Mikrofon und sang seine Arien, genau so wurde das aufgenommen.  Keine Tricks oder Veränderungen, deswegen ist es für mich so wertvoll.
K4K: Wie gehen Sie an ein neues Repertoire heran? (Anmerkung: „Repertoire“ [Repertwaa] bezeichnet all die Stücke, die ein Künstler singen kann).
PB: Ich versuche, das ganz frisch zu machen. Er ist für mich der „Godfather der Operette“ (Anmerkung: er meint, der Größte!). Alle nach ihm haben sich irgendwie an ihm orientiert, hatten ihn im Hinterkopf. Auch ich habe die Stimme, die Art, zu musizieren, im Kopf. Man kann aber nicht mehr ganz so singen wie damals, weil sich auch der Geschmack des Publikums geändert hat. Deswegen habe ich das Notenmaterial genommen und meine eigene Interpretation (Anmerkung: wie sehe ich etwas) entwickelt.
K4K: Wie sehen Sie die Entwicklung des Publikums? In Konzertsälen finden sich hauptsächlich ältere Menschen…
PB: Bei mir sind sehr viele junge Menschen in meinen Konzerten!!!
K4K: Aber wie sehen Sie dennoch die Entwicklung der jungen Menschen in Bezug auf die Musik?
PB: Die Musik der Jugend ist für mich sehr gefühllos. Die jungen Menschen haben zwar Gefühle bei der Musik, aber die bauen sie selber auf, weil ihnen ein Sänger oder eine Sängerin gefällt.

Die Musik der Jugend ist für mich sehr gefühllos. Die jungen Menschen haben zwar Gefühle bei der Musik, aber die bauen sie selber auf, weil ihnen ein Sänger oder eine Sängerin gefällt.

In der Musik selber gibt es kaum Gefühle. Daher ist es wichtig, in die klassische Musik zu gehen – dort gibt es in jedem kleinsten Lied Gefühle. Der Komponist hat die Gefühle in die Musik geschrieben. Das einfachste Lied kann sehr „sentimental“ (Anmerkung: gefühlsbetont) sein, wird heute auch schon fast als Vorwurf verwendet – das ist aber schade, da man die gesamte Breite der Gefühle präsentieren sollte. Die Musik hat einfach für jeden etwas.
Vielleicht befinden wir uns momentan aber auch in einer Protestzeit, dass die jungen Menschen mit der klassischen Musik nichts anfangen. Später aber wäre es wichtig, den Zugang zu finden. Offen zu sein, sich nicht zu verschließen. Früher gab es nur Klassik und Richard Tauber war ein Popstar der Klassik. Leider ist heute alles eher flach, digital, schnell und auf Geld reduziert. Aber ich glaube, es wird sich wieder ändern. Nach meinen Konzerten treffe ich immer sehr viele junge Menschen und ich sehe es als Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es später auch noch Publikum geben wird.
K4K: Sie haben eine sehr persönliche und sehr aktiv gestaltete Facebook-Seite. Man merkt, die wird nicht von einem Management befüllt sondern kommt wirklich von Ihnen.
PB: Das macht meine Frau – wir machen es gemeinsam aber den Großteil macht meine Frau. Sie liest jeden Morgen alles, was auf der Seite geschrieben wird.
K4K: Wie kommen Sie aber mit Ihrem Bekanntheitsgrad zurecht?
PB: Man muss es kontrollieren. Ich habe auch meine private Seite, die ich nicht an die Öffentlichkeit bringen möchte. Ich habe aber nichts zu verbergen, möchte auch kein Kunstprodukt aus mir machen, habe auch keinen Kunstnamen wie Madonna oder Prince.

Ich habe nichts zu verbergen, möchte auch kein Kunstprodukt aus mir haben, habe auch keinen Kunstnamen wie Madonna.

Mein Luxus ist, dass ich mich hinter den Opernpersönlichkeiten verstecken kann – hinter Faust oder Werther oder so.
K4K: Viele Opern werden von Regisseuren produziert, die sich in ihrer Inszenierung verwirklichen möchten. Was machen Sie, wenn Sie für eine Produktion gebucht werden und Ihnen der Stil nicht gefällt?
PB: Dann unterschreibe ich den Vertrag nicht. Ich kenne Gott sei Dank viele Kollegen, schaue auch im Internet und so weiter und wenn ich gewarnt werde, dann mache ich es nicht. Blöd ist nur, dass dann überhaupt keine guten Sänger in diesen Opern singen, weil alle guten Kollegen die Finger davon lassen und die Zuseher haben dann ein Problem in dieser Stadt, weil das Niveau sinkt. Solche Regisseure schaden der ganzen Musikwelt.
K4K: Nun zu Ihrer Schulzeit – wie waren Sie in der Schule?
PB: Ich war sehr gut in Sprachen, Mathematik war nie so mein Ding. Eigentlich war ich aber gut, sogar sehr gut. Schreiben konnte ich sehr gut. Ich wusste relativ schnell, dass das, was ich tue, für die Zukunft keine große Bedeutung haben würde. Sinus und Cosinus (Anmerkung: Begriffe aus Mathematik) würden in meinem Leben keine Rolle spielen. Ich wollte schon so viel wissen, dass ich überall mitreden könnte, aber ein besonderes Problem kann ich nicht lösen.

Schlechte Regisseure schaden der ganzen Musikwelt. Ich unterschreibe manche Verträge einfach nicht.


K4K: Und wann haben Sie mit der Musik begonnen?
PB: Relativ spät, mit 18 Jahren.
K4K: Hat kein Musiklehrer vorher gemerkt, wie musikalisch Sie sind?
PB: Es gab einen Moment, wo ich im Chor singen sollte, aber damals, mit 10 Jahren, waren wir nur zu zweit im Chor und das war so uncool. Ich habe dann alles versucht, dass sie mich aus dem Chor rauswerfen. Das ist mir gelungen.
Das zweite war, dass ich als Pfadfinder tätig war und da haben wir viel Musik gemacht. Aber das war nur zum Spaß. Mit 18 Jahren kam ich dann durch einen Zufall zum Chor – ich wollte eigentlich der Mathematik-Stunde entkommen. Beim Vorsingen wurde ich aufgenommen.

Mit 10 Jahren waren nur zwei Buben im Chor - das war so uncool. Ich habe dann alles versucht, dass sie mich aus dem Chor rauswerfen. Das ist mir gelungen.


K4K: Was machen Sie als Ausgleich zum Singen? Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
PB: Ich lese sehr viel. Von Quatsch bis Poesie. Ich lese schnell, das mache ich gerne. Meine Frau und ich, wir spielen zusammen Golf. Die Musik hat so einen großen Teil in meinem Leben, dass sie eigentlich auch mein Hobby ist. Ich verbringe Stunden in Youtube und höre mir Aufnahmen an.
Meine Welt soll so aufgebaut sein, dass ich von vielen Dingen eine Ahnung habe. Zum Beispiel: was kann ich tun, um Menschen zu helfen, ihre Stimme zu entwickeln. Es sollen nicht nur die wertvollsten Stimmen gehört werden, eigentlich kann fast jeder singen. Deswegen liebe ich die alten Filme – dort fängt einer an und alle singen mit.
K4K: Wenn Sie nicht Sänger geworden wären, was war Ihr Berufswunsch?
PB: Ich wollte Schiffskapitän werden. In Polen durften wir damals nicht reisen, unsere Reisen fanden im Kopf statt. Ich habe alle Bücher über Reisen gelesen. Reisen bedeutete mit dem Schiff zu fahren. Ich wollte in die Welt hinaus.

Ich wollte Schiffskapitän werden. In Polen durften wir damals nicht reisen, unsere Reisen fanden im Kopf statt. Ich habe alle Bücher über Reisen gelesen. Reisen bedeutete mit dem Schiff zu fahren. Ich wollte in die Welt hinaus.


K4K: Jetzt können Sie ja viel reisen – wo sind Sie aber zuhause?
PB: Schwer zu sagen. Mein Herz ist in Polen, seit 20 Jahren sind meine Frau und ich Weltbürger. Heute haben wir an vielen Orten eine Wohnung und sind überall zuhause. Eigentlich bin ich dort zuhause, wo meine Frau ist. In Wien haben wir auch eine Wohnung mit einem Weinkeller – ich liebe guten Wein. Ich liebe aber auch alte Autos, habe einen alten Jaguar, der in Wien in der Garage steht.
Ich mag Dinge, die ihren Wert nicht verlieren.
K4K: Auf welcher Bühne sind Sie zuhause?
PB: Auf der MET (Anmerkung: Metropolitan Opera New York). Die MET ist der Olymp. Wien ist auch toll, hatte immer etwas Unerreichbares. Eine Zeitlang habe ich ja in Wien auf der Straße Musik gemacht. Am Abend bin ich dann in die Staatsoper Wien gegangen und hab nie vorstellen können, dort jemals zu singen. In der MET habe ich mich sofort wohl gefühlt, die Leute waren toll, ich hatte großen Erfolg. In Wien war ich für jemanden eingesprungen, habe dann aber kein festes Engagement [Ongaschmoo] angenommen, das war kompliziert. Aber das Wiener Publikum ist das beste Publikum der Welt.
K4K: Gibt es eine Bühne, auf der Sie noch nicht gesungen haben aber gerne singen würden?
PB: Ja, das Teatro Colón in Buenos Aires (Anmerkung: Argentinien).
K4K: Was ist Ihr Lieblingsessen?
PB: Italienisches Essen mag ich sehr gerne. Ich mag aber eigentlich jedes Essen. In jeder Stadt habe ich meine Lieblingsrestaurants, dort gehe ich immer wieder hin. Ich mag nicht enttäuscht werden.

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